Pünktlich und bemüht – reicht das für Post COVID?

Pünktlich und bemüht – reicht das für Post COVID?
Photo by Abdul A / Unsplash

Ich hatte meinen persönlichen Tiefpunkt vorgestern Abend. Wie sehr hatte ich mich beim Anblick der Folgen-Vorschau gefreut: In der neuen Staffel greift nun auch der "Bergdoktor" endlich das Thema Post COVID auf. Und dann diese Enttäuschung. Dr. Gruber war - neben Dr. House - immer mein Paradebeispiel, das ich angeführt habe, wenn ich meinen idealen Arzt beschrieben habe: Einer, der nicht aufgibt, der nächtelang in Büchern nach Lösungen sucht und für den Hausbesuche immer selbstverständlich sind. Der Zusammenhänge herstellt und für seine Patienten das Beste herausholt. Genau so einen derart engagierten Arzt hatte ich mir immer an meiner Seite gewünscht.

Heute bin ich nicht mehr scharf darauf Dr. Gruber an meiner Seite zu haben.

Ausgerechnet bei der Erkrankung, die auch mich betrifft, ist er plötzlich wie die Mehrzahl der "echten" Ärzte. Wo war denn das gewohnte Gruber-Engagement? Gut, es ging diesmal um die gesundheitlichen Probleme der Partnerin einer an Post COVID Erkrankten, die er schlussendlich wieder erfolgreich löste. Aber für alles, was mit deren Überforderung als pflegende Angehörige verbunden war, gab es nur ein paar salbungsvolle Worte. Als wäre Hilfe etwas, das man einfach und verlässlich abrufen kann. Als käme sie in dem Moment, in dem man noch die Kraft hat, sie zu formulieren.

Und als bestünde Hilfe aus Gesprächsangeboten – nicht auch aus ganz praktischer Entlastung im Alltag und der Realität von Care-Arbeit: jemand, der einkauft, kocht, sauber macht. Jemand, der beim Duschen unterstützt, abtrocknet, Haare föhnt. Der organisiert, zu Ärzten begleitet, Rezepte und Medikamente besorgt. Der zuhört, mitträgt, da ist. Jemand, der bleibt, wenn nichts mehr geht.

Alles andere als harmlos

Besonders fatal fand ich, Post COVID als „Müdigkeit“ darzustellen, die ganz selbstverständlich mit einem Antidepressivum behandelt wird – während Pacing als zentrale Strategie im Umgang mit Belastung und PEM nicht einmal erwähnt wird. Das ist in meinen Augen alles andere als harmlos – es verschiebt die Verantwortung. Weg von einer komplexen körperlichen Erkrankung, hin zu einer Darstellung, die Betroffene erneut psychologisiert und entwertet. Die allein denjenigen nutzt, die weiterhin bagatellisieren, psychologisieren und stigmatisieren. Sie hilft weder den Erkrankten noch ihren Angehörigen. Im Gegenteil: Sie schadet uns.

Fachliche Unschärfe

Auch fachlich blieb vieles unscharf. Erst werden die Zuschauer verwirrt, weil anfangs von Long COVID, später nur noch von Post COVID die Rede ist. Dann fällt der Begriff „Crash Syndrom“. Was genau ist damit gemeint? Ja, es gibt die Post-Exertional Malaise (PEM), die viele Betroffene umgangssprachlich als „Crash“ bezeichnen. Als eigenes „Syndrom“ ist dieser Begriff jedoch nicht definiert – und wirkt eher verwirrend als klärend. Und vor allem: Ist PEM nicht das Kernsymptom von ME/CFS – und bei einem Teil der Post-COVID-Betroffenen genau der Punkt, an dem die Erkrankung eine andere Qualität bekommt?

Die häufig berichtete Reizempfindlichkeit – etwa gegenüber Licht, Geräuschen oder visueller Überforderung – wurde ebenfalls nicht thematisiert. Weder sprachlich noch bildlich. Dabei prägt sie für viele Betroffene den Alltag ganz wesentlich. Das mögen für Außenstehende Details sein. Für Betroffene sind es entscheidende Unterschiede – und für Zuschauer prägen sie, wie ernst diese Erkrankung genommen wird.

Realistische Momente

Bei aller Kritik gab es dennoch Momente, die näher an der Realität lagen: Dr. Gruber „schwimmt“ genau so wie die realen Ärzte im Umgang mit der Krankheit. Und die Darstellung der wechselnden Zustände: an einem Tag kaum Bewegung ohne Rollator möglich, am nächsten Tag Toben mit dem Kind kein Problem. Doch genau das war in meinen Augen nur für „Insider“ verständlich. Für alle anderen bestätigt es eher den Zweifel, ob die Krankheit wirklich so schwer ist – oder ob man sich nicht einfach zusammenreißen sollte.

Ich bin froh, dass sich die Medien dieses Themas annehmen. Aber ich finde, dann sollten sie es auch mit der nötigen Sorgfalt und dem nötigen Respekt tun. Und wenn nicht – sollten sie es besser lassen. Mein Fazit: In ein Arbeitszeugnis für den Bergdoktor würde ich schreiben „Er war pünktlich und bemüht“. Mehr leider nicht.


Update

Im Nachgang zu diesem Beitrag habe ich einige der hier genannten Kritikpunkte zur Darstellung von Post COVID an das Team des Bergdoktors geschickt. Meine Mail bezog sich dabei auf ausgewählte Aspekte der im Beitrag beschriebenen Kritik.

Ich habe mich über die ausführliche und ungewöhnlich differenzierte Antwort sehr gefreut. Meine Kritikpunkte wurden ernst genommen und fachlich eingeordnet. Ein derart offener und respektvoller Umgang mit Kritik ist keineswegs selbstverständlich und verdient Anerkennung.

Mit freundlicher Zustimmung der Produktion dokumentiere ich das folgende Statement im Wortlaut:

Haben Sie vielen Dank für Ihre differenzierte und persönliche Rückmeldung zur Folge 'Schmelzpunkte'.

Die Produzentin und ich nehmen Ihre Anmerkungen sehr ernst. Gerade weil das Format eine hohe Reichweite hat, ist uns bewusst, dass jede Darstellung medizinischer Sachverhalte Wirkung entfalten kann, in der öffentlichen Wahrnehmung ebenso wie im individuellen Erleben von Betroffenen. Wir haben nochmal mit unserem medizinischen Fachberater Rücksprache gehalten und möchten unsere Sicht nun darlegen. 

Sie sprechen einen zentralen Punkt an: Post-COVID ist eine komplexe, multidimensionale Erkrankung. Neben Fatigue gehören insbesondere Post-Exertional Malaise (PEM), autonome Dysregulation, kognitive Einschränkungen sowie immunologische und vaskuläre Mechanismen zum klinischen Bild. Auch das therapeutische Prinzip des Pacing gilt in der aktuellen fachlichen Diskussion als ein wesentliches Element der Symptomkontrolle.

Die dramaturgische Struktur einer 90-minütigen Episode bringt jedoch zwangsläufig eine Verdichtung medizinischer Inhalte mit sich. In der betreffenden Folge hatte die Erkrankung die Funktion eines Nebenplots, wodurch die verfügbare Erzählzeit begrenzt war. Das führte dazu, dass komplexe Aspekte – wie Sie zutreffend benennen – nicht in der Tiefe dargestellt werden konnten, die medizinisch wünschenswert wäre.

Zur Frage des Antidepressivums: In der klinischen Realität werden solche Medikamente bei Post-COVID nicht als „Heilmittel“, sondern bei bestimmten Begleitkonstellationen (z. B. komorbide depressive Symptomatik, Schlafstörungen, neuropathische Schmerzanteile) eingesetzt. Die Intention war nicht, eine rein psychologische Deutung der Erkrankung zu suggerieren, sondern eine mögliche symptomorientierte Behandlungsoption zu zeigen. Dass dies missverständlich wirken kann, nehmen wir ernst.

Uns ist bewusst, dass die implizite Psychologisierung chronischer Erkrankungen für Betroffene reale Folgen haben kann, sowohl im Versorgungssystem als auch im sozialen Umfeld. Dieser Sensibilität fühlen wir uns verpflichtet.

Ihre Rückmeldung verstehen wir ausdrücklich nicht als Vorwurf, sondern dankend als wertvollen Beitrag aus Betroffenenperspektive und Mitfühlende. Solche Hinweise fließen in zukünftige medizinische Abwägungen sicher ein, gerade bei Krankheitsbildern, deren wissenschaftliche Einordnung sich noch dynamisch weiterentwickelt und die auch im Nebenplot erscheinend, nicht weniger unwichtig sind.

Mit Dank für Ihre Offenheit und Ihr langjähriges Vertrauen in die Serie.


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